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„Ich möchte etwas in die Gesellschaft zurückgeben“

Désirée von Bohlen und Halbach, Gründerin und 1. Vorstand des Vereins Desideria Care e. V. und Hohenzollern-Prinzessin, im Interview

Désirée von Bohlen und Halbach im Interview über ihr Engagement, Vorbilder und Female Finance

Zum einen ist sie engagierte Gründerin, 1. Vorstand, Familien-Beraterin und systemischer Coach des gemeinnützigen Vereins Desideria Care e. V. in München, der Angebote für Menschen mit Demenz und deren Angehörige entwickelt und fördert. Zum anderen ist Désirée von Bohlen und Halbach eine geborene Hohenzollern- Prinzessin und die Nichte von Königin Silvia von Schweden. Verheiratet ist die Mutter dreier Kinder in zweiter Ehe mit dem Unternehmer Eckbert von Bohlen und Halbach, der in enger Verbindung mit der Familie Krupp, eine der bedeutendsten deutschen Unternehmerfamilien, steht. Als Paar gehören sie zur höchsten Gesellschaft Europas. Auf Einladung der Braunschweiger Privatbank wird Désirée von Bohlen und Halbach im Februar 2025 als exklusive Gastrednerin im Rahmen des neuen Veranstaltungsformats „Female Finance“ auftreten. Wir haben uns vorab mit ihr getroffen und gesprochen.

Frau von Bohlen und Halbach, warum haben Sie im Jahr 2017 den Verein Desideria Care gegründet, der sich für Aufklärung über Demenz einsetzt, diese Krankheit enttabuisieren will und betroffenen Familien hilft?
„Desideria Care habe ich gegründet, weil mir in den vier Jahren, in denen ich ehrenamtlich in einer Tagesstätte für Menschen mit Demenz gearbeitet habe, das Leid und die offensichtliche Überforderung der pflegenden Angehörigen sehr nahegegangen sind. Sie standen eben nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Während meiner Tätigkeit in der Tagesstätte ließ ich mich zum systemischen Coach, zur familientherapeutischen Beraterin und Demenztrainerin ausbilden. Diese Weiterbildungen schufen die Basis, mich mit Desideria selbstständig zu machen, um die betroffenen Familien zu unterstützen und auf das Thema in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.“

Warum ist das nötig?
„Das belegen sehr eindrucksvolle Zahlen: In Deutschland leben heute circa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. Tendenz leider steigend. Die Dunkelziffer ist sicherlich um einiges höher. Das bedeutet, dass es an die sechs Millionen pflegende Angehörige gibt. Mittlerweile ist die Angst, an Demenz zu erkranken, höher als die Angst vor Krebs. Mit unseren Angeboten versuchen wir einerseits, ein Umdenken in unserer Gesellschaft zum Thema Demenz zu bewirken und damit mehr Lebensqualität zu schaffen. Das Thema Demenz darf Angehörige nicht an den Rand der Gesellschaft drängen. Die betroffenen Familien müssen in der Mitte der Gesellschaft verankert sein. Andererseits bietet Desideria konkrete Hilfe und trägt dazu bei, dass die betroffenen Familien mental gesund bleiben. Durch eine immer größer werdende Community schaffen wir Raum für Wissen und Austausch. Nur in einer aufgeklärten Gesellschaft kann gegenseitiges Verständnis wachsen.“

Was treibt Sie an und was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?
„Mit Desideria habe ich mich auf den Weg gemacht, andere Menschen, die unverschuldet in eine Notlage oder Überforderung geraten sind, zu unterstützen. Ich möchte mit meinem Engagement etwas in die Gesellschaft zurückgeben. Obwohl ich selbst viele Schicksalsschläge hinnehmen musste, empfinde ich mich als privilegiert und möchte im Rahmen meiner Fähigkeiten dazu beitragen, dass sich zum Thema Demenz in der Gesellschaft etwas verändert. Hin zu mehr Menschlichkeit und zu mehr Miteinander. Familien, die sich um einen Menschen mit Demenz sorgen, müssen in der Mitte der Gesellschaft verankert sein.“

Zu Hause Personen mit Demenz zu pflegen, ist für die Angehörigen herausfordernd. Haben Sie das Gefühl, dass diese Aufgabe jedoch hauptsächlich in das Rollenbild der Frau fällt? Was kann man dagegen tun?
„Ja. 75 Prozent der pflegenden Angehörigen sind weiblich. Das ist noch immer eine sehr hohe Anzahl und ich würde mir sehr wünschen, dass sich dies ändern möge. Pflege war und ist immer noch sehr weiblich. Ich denke, dass sich nur etwas ändert, wenn sich die Rollenbilder in unserer Gesellschaft weiter verändern. Frauen und Männer gleichgestellt sind. Davon sind wir allerdings weit entfernt. Und das bestätigen auch die Zahlen. Frauen stecken eher zurück, kürzen die Arbeitszeiten zugunsten der Kindererziehung; aber auch, wenn es um die Pflege innerhalb der Familie geht. Oftmals geben sie auch ihren Beruf auf und riskieren infolgedessen in die Altersarmut zu rutschen. Auch hier gibt es viel zu ändern.“

Haben Sie Angst, selbst an Demenz zu erkranken?
„Ja, manchmal schon. Dieser Gedanke bleibt nicht aus, da ich mich ja täglich mit diesem Thema beschäftige. Natürlich hoffe ich, dass mir dieses Schicksal erspart bleibt. Ich möchte noch so viel bewirken und versuche, mich deshalb so gesund wie möglich zu ernähren, mich viel zu bewegen und mich geistig fit zu halten. Sollte ich jedoch an Demenz erkranken, hoffe ich auf ein aufgeklärtes und liebevolles Umfeld.“

Wie hilfreich ist Ihr prominenter Name bei der Öffentlichkeitsarbeit und Akquise von Spendengeldern?
„So ein Name ist sicherlich von Vorteil, um sich Gehör zu verschaffen. Vielleicht öffnet sich auch die ein oder andere Türe etwas leichter. Ich habe nie in meinem Leben versucht, mir dadurch persönliche Vorteile zu verschaffen. Jetzt setze ich meinen Namen jedoch dafür ein, etwas in der Gesellschaft zu bewirken.“

Sie sind mit Frau Kälin ein weiblicher Vorstand bei Desideria Care. Wie stehen Sie zu Frauen in Vorstandspositionen?
„Da ich selbst in dieser Position bin, ist es für mich völlig normal. Ich finde es gut, wenn Frauen in diesen Positionen sind. Viel wichtiger ist es jedoch, was sie befähigt. Leider verkaufen wir uns oft schlechter als die Männer. Frauen sollten mutiger und selbstbewusster werden. Wir bei Desideria leben Frauenpower. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es immer gut ist, wenn ein Vorstand aus Frauen und Männern gleichermaßen zusammengesetzt ist. Wir haben zwei Männer im Vorstand und das ist auch gut so. Man kann immer voneinander lernen, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Die verschiedenen Herangehensweisen von Männern und Frauen sollten genutzt werden. Ein Geschlechterkampf hilft niemandem und fördert auch nicht, Ziele in Unternehmen besser zu erreichen.“

Mit der Königin von Schweden als Tante hatten Sie stets ein starkes Frauenvorbild. Glauben Sie, dass vielen Frauen ein Vorbild, auch in der Finanzwelt, helfen könnte?
„In der Tat ist meine Tante Silvia für mich ein großes Vorbild. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, dass sie eine Frau ist. Sie hat es jedoch mit Beharrlichkeit und Ausdauer geschafft, sich als eine Königin zu etablieren, die arbeitet und sich nicht davor scheut, Themen anzusprechen, die oft tabuisiert sind. Sie spricht sie nicht nur an, sondern gründet in Ihrem Namen Stiftungen, um in der Gesellschaft zu sensibilisieren und aber auch konkrete Hilfe anzubieten. Genau aus diesem Grund nenne ich Sie mein Vorbild. Ich bin schon der Ansicht, dass Vorbilder dazu beitragen können, mutiger den eigenen Weg zu finden. Das gilt sicherlich auch für Frauen in der Finanzwelt.“

Ihr Vortrag findet im Rahmen einer exklusiven Auftakt-Netzwerkveranstaltung der Braunschweiger Privatbank statt. Was verbinden Sie mit dem Thema Female Finance?
„Ehrlich gesagt habe ich mir darüber nie viele Gedanken gemacht. Da bin ich wahrscheinlich etwas altmodisch. Ich habe aber verstanden, dass dies ein sehr wichtiges Thema für uns Frauen ist. Wenn man nach Female Finance googelt, stößt man u. a. auf ganz viel Literatur. Laut Studien investieren Frauen sehr viel weniger in Aktien als Männer.“

Die Finanzbildung von Frauen ist stark im Kommen. Doch zahlreiche Studien, u. a. die Meinungsumfrage Female Finance (2023) des Bundesverbands deutscher Banken, zeichnen immer noch ein ernüchterndes Bild. Nach wie vor sind Frauen finanziell schlechter gestellt als Männer und trauen sich weniger zu. Was glauben Sie, woran das liegt?
„Das liegt wohl an unserer Geschichte. Männer hatten in unserer Gesellschaft das Sagen und es ist noch gar nicht so lange her, dass Frauen wählen dürfen (1977) und sich selbstständig einen Job suchen können, ohne vorher den Ehemann fragen zu müssen. 1962 durfte in Deutschland die erste Frau ein Bankkonto eröffnen. Das ist jetzt gerade mal 62 Jahre her! Frauen wurden sehr lange unterdrückt und hatten kaum Rechte. Sie waren den Männern ausgeliefert. Woher sollte da das nötige Selbstbewusstsein kommen, sich dem Thema Finanzen anzunehmen, das doch reine Männersache war. Sich daraus zu befreien, hat lange gedauert und ist sicher in manchen Branchen noch immer nicht ganz vom Tisch. Immerhin bekleidet Christine Lagarde das Amt der Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Das ist doch ein gutes Zeichen.“

In vielen Ehen und langjährigen Beziehungen kümmert sich meist der Mann um die Finanzen und die Altersvorsorge. Wie beurteilen Sie das?
„Ich möchte hier nicht so pauschal urteilen. In meinen Augen kommt es doch auch darauf an, wie eine Ehe geführt wird. Ist man hier gleichwertiger Partner, sehe ich kein Problem. Es ist heutzutage jedoch ratsam, sich auch um die Finanzen der Familie zu kümmern. Vorbereitet zu sein, für den Fall, dass der Partner dies nicht mehr ausüben kann. Wie im Falle einer Demenzerkrankung. Viele Partnerinnen geraten dann in eine Situation der Überforderung.“

Wie können Frauen mehr Autonomie über ihre eigenen Finanzen erlangen und damit ihrer finanziellen Unabhängigkeit Antrieb geben?
„Sie brauchen mehr Informationen zu dem Thema und Austausch mit anderen Frauen, um so an Informationen heranzukommen, die nicht von Männern stammen. Weibliche Finanzberater wären sicherlich auch sinnvoll.“

Was sind Ihre wichtigsten aktuellen und zukünftigen Projekte, die Sie umsetzen möchten?
„Wir haben in den vergangenen sieben Jahren viel erreicht und uns in der Branche einen Namen gemacht. Desideria liefert Qualtät. Der nächste Schritt muss noch mehr Sichtbarkeit sein. Das heißt, wir müssen unsere Präsenz in der Öffentlichkeit und in den Medien verstärken, damit noch mehr Angehörige von Menschen mit Demenz von den Hilfsangeboten erfahren und sie nutzen. Öffentlichkeitsarbeit und Marketing müssen weiter ausgebaut werden. Wir möchten unsere Online-Community weiter ausbauen, damit sich die Angehörigen untereinander vernetzen und sich austauschen können. Es gilt ein ‚Wachrütteln‘ in der Gesellschaft voranzutreiben, sodass die Menschen mit Demenz, aber auch die pflegenden Angehörigen in der Gesellschaft verankert bleiben und nicht an den Rand gedrängt werden. Da wir auf einen Pflegenotstand zusteuern, muss die Gesellschaft mit eingebunden werden. Eine Pflege ist nicht nur
Angelegenheit der Familien. Sie betrifft uns alle.“